Schweizer Hilfswerke kritisieren „Jeder Rappen zählt“ in mehreren Punkten

Manche freuen sich von Jahr zu Jahr darauf, andere vermeiden in jener Zeit sowohl „SRF zwei“ im TV als auch „SRF3“ im Radio einzuschalten. Ich spreche von „Jeder Rappen zählt“, einer umstrittenen Veranstaltung des öffentlich-rechtlichen Senders SRF.

Da sich die Kritiken der Zuschauer fast nur subjektiv wahrnehmen lassen, wollte ich zumindest etwas genauer wissen, wie Schweizer Hilfswerke „Jeder Rappen zählt“ beurteilen. Verschiedene Hilfsorganisationen habe ich gefragt, wie ihre Haltung gegenüber „Jeder Rappen zählt“ sei und ob sie befürchten, dass diese Aktion einen Einfluss auf ihre Spendeneinnahmen haben könnte.

Folgende Organisationen haben Stellung genommen:

In erster Linie nahm es mich Wunder, ob diese Hilfsorganisationen „Jeder Rappen zählt“ kritisieren oder ob sie gegenüber der Aktion hauptsächlich positiv eingestellt sind. Die Umfrage ergab, dass die Organisationen die „SRG SSR“ in mehreren Punkten kritisieren – wenn auch nicht nur.

  1. Einmischung eines öffentlich-rechtlichen Senders in den Spendenmarkt (Wettbewerbsverzerrung)

Einige Organisationen monieren, dass es nicht Aufgabe eines öffentlich-rechtlichen Senders sei, in den Spendenmarkt einzugreifen. So fragt sich beispielsweise Mark Zumbühl von der Behindertenorganisation „Pro Infirmis“: „Was hat der öffentlich-rechtliche Sender SRF auf dem Spendenmarkt verloren?“

Eine solche Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit könnte sich kein Schweizer Hilfswerk leisten. Daher glaubt Marc Bächler, Leiter Kommunikation der „Stiftung SOS-Kinderdorf Schweiz“, dass sich die Aktion sogar kontraproduktiv auf die anderen Hilfswerke auswirken könnte:

„Der Mediendruck dieser Aktion ist enorm und nicht vergleichbar mit anderen privaten Hilfswerkskampagnen. Der Gegenwert dieser Kampagne übersteigt das Werbebudget eines jeden Schweizer Hilfswerks bei weitem. Folge dessen ist diese Aktion in hohem Masse wettbewerbsverzerrend und führt dazu, dass die nicht berücksichtigten Hilfswerke noch grössere Mittel aufwenden müssen, um immer weniger Spenden zu generieren. Im schlimmsten Fall ist die Wirkung der Aktion insgesamt gar als kontraproduktiv zu werten“

  1. Kein „ZEWO“-Gütesiegel

Mark Zumbühl von „Pro Infirmis“ empfiehlt dem Spender, dass sich dieser nach dem „ZEWO“-Gütesiegel richten soll, welches vertrauenswürdige Hilfswerke auszeichnet. Zumbühl zum Gütesiegel:„Dieses gibt den Spendern die Sicherheit, dass die Gelder zweckbestimmt und in einem vertretbaren Verhältnis zwischen Aufwand und Ertrag für die Projekte eingesetzt werden. Meines Wissens ist SRF nicht ZEWO zertifiziert.“

Es stimmt tatsächlich: Weder die „SRG SSR“ noch die „Glückskette“ haben ein „ZEWO“ Gütesiegel. Doch die „Glückskette“ arbeitet mit 25 Partnerhilfswerken zusammen, von denen nur drei, die „Heilsarmee“, „“Ärzte ohne Grenzen“ sowie „Vivamos Mejor“, kein Gütesiegel besitzen (Stand: Dezember 2014).

  1. „Return on Investment“ in keinem Verhältnis

„Return on Investment“ bezeichnet ein Modell zur Messung einer Rendite einer unternehmerischen Tätigkeit. Der erzielte Gewinn der Tätigkeit wird dabei in einem Verhältnis zum dafür eingesetzten Kapital gesetzt. Fredi Lüthin, Leiter Abteilung Medien bei „WWF Schweiz“, gibt zu bedenken, dass der Mitteleinsatz (sowohl personell wie auch werbetechnisch) in keinem guten Verhältnis zum Ertrag stehe. „Eine Non-Profit-Organisation könnte sich einen so tiefen „Return on Invest“ jedenfalls nicht leisten und würde wohl zu Recht kritisiert“, so Lüthin.

Quelle: srf.ch

Quelle: srf.ch

Spendeneinbussen vorhanden – doch SRF erntet nicht nur Kritik

Auf meine zweite Frage, ob die Organisationen aufgrund von „JRZ“ Spendeneinbussen befürchten, gaben nur drei Hilfswerke eine Stellungnahme ab. So bestätigt mir Marc Bächler von „SOS-Kinderdorf Schweiz“, dass die Spendeneinnahmen im Monat Dezember seit Einführung der Aktion „Jeder Rappen zählt“ durchschnittlich abgenommen haben. Auch bei „World Vision Schweiz“ merkt man, dass bei grossen Fundraisingaktionen anderer Hilfswerke nicht gleich viel Geld von Einmalspendern eingehe. “Der Grossteil unserer Spender unterstützt jedoch eines oder mehrere unserer über 100 Projekte in 37 Ländern meist auf einer regelmässigen Basis und bleibt uns deshalb auch dann treu, wenn zusätzlich über andere Organisationen gespendet wird“, so Juerg Hostettler, Leiter Kommunikation.

Nicht von der Aktion betroffen ist dafür „Greenpeace“. Mediensprecherin Lilla Lukacs schreibt diesbezüglich: „Wir verzeichnen keine Spendeneinbussen wegen JRZ und verstehen grundsätzlich ihre Anliegen. Die Veranstaltung tangiert uns jedoch nicht, da unser Fokus auf Umweltschutz ausgerichtet ist und wir in der Öffentlichkeit somit auf andere Themen aufmerksam machen.“

Doch das SRF muss für seine Aktion von anderen Hilfswerken nicht nur Kritik einstecken. Fredi Lüthin von „WWF Schweiz“ sagt: „Solche Aktionen helfen mit,  die Bevölkerung für weltweite Probleme zu sensibilisieren, und davon gibt es leider mehr als genug. Insofern ist „Jeder Rappen zählt“ sicher eine gute Sache.“ In eine ähnliche Kerbe schlägt auch Juerg Hostettler von „World Vision“: „Wenn Aktionen um Geld für Projekte der Entwicklungszusammenarbeit durchgeführt werden, freuen wir uns immer darüber. Dem syrischen Mädchen im jordanischen Flüchtlingscamp kommt es nicht drauf an, von wem die Unterstützung kommt.“

Mein Fazit

Als „Jeder Rappen zählt“ im Dezember 2009 zum ersten Mal aus Bern sendete, wurde ich auf Anhieb zu einem grossen Fan davon. Erst in den folgenden Jahren begann ich, mich kritischer mit der Aktion auseinanderzusetzen. Mir wurde bewusst, dass „JRZ“ auf andere Hilfswerke womöglich nicht nur positiven Einfluss hat. Deshalb wollte ich in diesem Jahr etwas genauer wissen, wie die Haltung anderer Organisationen gegenüber „JRZ“ ist. Es gibt tatsächlich mehrere Argumente, aufgrund derer man das SRF für diese Spendenkampagne kritisieren kann, sowohl aus Sicht des Zusehers und Hörers als auch aus Sicht der Hilfswerke. Deswegen habe ich in der Zwischenzeit einen Mittelweg gefunden, wie ich mit dieser Aktion umgehe. Nach wie vor begrüsse ich „JRZ“ grundsätzlich, auch aufgrund des Arguments von Juerg Hostettler von „World Vision Schweiz“, dass es dem syrischen Mädchen im jordanischen Flüchtlingscamp egal sei, von wem die Unterstützung stammt – das wichtigste ist, dass sie überhaupt Unterstützung erhält. Allerdings ist mir auch bewusst, dass sich andere Organisationen eine solche mediale Präsenz niemals leisten könnten. Es findet dadurch eine Wettbewerbsverzerrung im Spendenmarkt statt. Ginge es dabei nicht um Spenden für einen guten Zweck, würde eine solche Wettbewerbsverzerrung niemals gebilligt. Man stelle sich nur mal vor, ein Unternehmen könnte sich in diesem Ausmass auf den öffentlich-rechtlichen Sendern präsentieren.

Überhaupt stellt sich die Frage, wie oft „JRZ“ noch durchgeführt wird. Die Spendeneinnahmen sind nach wie vor hoch, doch die Kritik in den sozialen Medien und in der Bevölkerung scheint zuzunehmen. Unter dem Hashtag #JRZ14 sind auf Twitter immer mehr kritische Stimmen zu hören. Auch der Entscheid des St. Galler Stadtrats, dass die Aktion aufgrund von Geräuschemissionen nicht in ihrem Kanton stattfinden könne, spricht dafür, dass „Jeder Rappen zählt“ nicht nur auf Rückhalt stösst.

Quelle Titelbild: blog.freiheitstattangst.de

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