Den “Blick” in vollen Zügen

Einen Tag lang waren wir, ausgerüstet mit iPads und Tastaturen, im Zug unterwegs, um den “Blick“ mal nicht nur in einzelnen Tweets zu kritisieren, sondern die Printausgabe ausführlich zu sezieren. Unsere Reise begann in Brugg AG, wo wir den “Blick“ am Kiosk kauften und prompt fast vergessen haben, ihn mitzunehmen. Mit dem Regioexpress fuhren wir nach Olten, wo wir in den Zug nach Lugano umstiegen und es uns dort gemütlich eingerichtet haben.

Frontseite
Der “Blick“ ist bekannt für grosse Buchstaben und grosse Bilder. Da überrascht es uns heute nicht, dass das Logo fast untergegangen wäre. Mühsam haben die Produzenten die fünf Buchstaben lesbar gemacht und den Preis in den Vordergrund verschoben. Der Mix auf der Titelseite ist perfekt: Da ein bisschen Schicksal, dort ein bisschen Glamour und einige Textzeilen gespickt mit Wirtschaft. Die Schicksalsgeschichte, die einen Viertel der Seite für sich beansprucht, wirft schon eine gewisse Fragwürdigkeit auf: Es geht um die Genfer Sozialtherapeutin Adeline, die von einem Serien-Vergewaltiger umgebracht wurde. Sie, total unverpixelt, strahlt uns mit einem jungen Kind entgegen. Die Augen des Kindes wurden wenigstens unkenntlich gemacht, doch man beachte: Am Tag zuvor war im Schwesterblatt “Blick am Abend” das gleiche Bild auch auf der Titelseite. Da hatte man aber noch das ganze Gesicht des Kindes verpixelt.

Adeline M. und ihr Baby. Sie unverpixelt, das Baby im "Blick" teilweise verpixelt, im "Blick am Abend" komplett verpixelt.

«Diese Schwelle ist eine Frechheit»

Eine 84-jährige Rentnerin stürzt über eine Blindenführungsschwelle, schlägt sich mehrere Zähne aus und ihre Lippe muss genäht werden. Zweifellos ein tragischer Unfall für die 84-jährige Margrith Sahli. Doch hätten wir es nicht selbst gelesen, würden wir niemandem glauben, der uns sagen würde, dass diese Alltagsgeschichte auf Seite 5 des “Blick” eine halbe Seite erhalten hat. Das ist doch lächerlich, oder? Selbst ein gewiefter Komiker hätte wohl keine absurdere Geschichte schreiben können…

Die erste Häfte des Artikels ist wenig nennenswert. In dieser geht es lediglich darum, wie sich Margrith Sahli und ihr Sohn sich über die Schwelle ärgern. Doch dann folgt unsere Lieblingspassage, die an Widersprüchlichkeit kaum zu übertreffen sein dürfte:

Hansjörg Sahli kann über diese Antwort nur den Kopf schütteln. “Es muss wohl erst Tote geben.” Der ganze Bahnhof sei ein einziger Pfusch. “Jetzt haben sie auch noch Treppen abgesperrt, weil sie nicht mehr sicher sind.”

Lasst uns die Gedanken erstmal ordnen: Im Artikel geht es darum, dass die beiden sich massiv über Schwellen aufregen und diese eigentlich abgeschafft gehören, da sie zu gefährlich seien. Gleichzeitig ärgern sie sich aber auch, dass die Treppen aus Sicherheitsgründen abgesperrt worden sind. Irgendwie seltsam… Es erscheint um so absurder, wenn man sich bewusst macht, für was Blindenführungsschwellen eigentlich da sind. Blinde, die sich an diesen Schwellen orientieren, könnten ansonsten unbemerkt auf die Strasse laufen und so noch weit schlimmere Unfälle hervorrufen.

Doch das eigentlich Lächerliche an diesem Artikel sind ja nicht die Aussagen von Margrith Sahli und ihrem Sohn, sondern dass der “Blick” dieser Geschichte prominent auf Seite 5 eine halbe Seite widmet. Eine Kurzmeldung hätte da bei weitem gereicht, ja selbst diese sähe doch irgendwie in einer Tageszeitung deplatziert aus? Hier unsere Version, um sich diese Situation vorzustellen:

Rentnerin stürzt über Blindenführungsschwelle
Am Montag stürzte eine 84-jährige Rentnerin im Bahnhof Aarau über eine Blindenführungsschwellle. Sie schlug sich dabei mehrere Zähne aus und musste ihre Lippe nähen. Das Missgeschick hatte für Margrith Sahli eine Nacht im Spital zur Folge.

People
Ein richtiger Augenschmaus ist die heutige People-Seite. Hier findet der Leser alles, was er nicht wissen will. Ganz gross prangt der Titel “Knuspern mit Géraldine” auf der Seite. Géraldine? Ja genau, Géraldine Olivier. Vor über 18 Jahren hat sie damals den Grand Prix der Volksmusik gewonnen. Erinnern Sie sich? Wir auch nicht. Trotzdem gehört dieser alte Schinken einer Prominenten in das Boulevardblatt – und, wie könnte es nicht anders sein, präsentiert sie uns ihr Zuhause, ein Knusperhäuschen, wie es Olivier selber nennt. Somit hat sich auch der Titel der Geschichte geklärt. Der Text ist kaum erwähnenswert. Mehrheitlich ging es um sie, ihren Mann und das Comeback am Musikantenstadl. Viel spannender sind da die “Hot Shots”. So konnten wir darin erfahren, dass Schauspielerin Jenny Elvers-Elbertzhagen jetzt auch in den “Big Brother Promi”-Container ziehen wird. Anscheinend hat ihr Therapeut ihr dies sogar empfohlen, im Kampf gegen ihre Trunksucht.

«Affentheater in Dübendorf»
Folgende Geschichte wollen wir Ihnen nicht vorenthalten: “Affentheater in Dübendorf”. Wir finden es gut, wenn Leser ihre Geschichten einer Zeitung mitteilen können. Doch liebe Blick-Redaktion: Seid bitte in Zukunft etwas vorsichtiger mit der Auswahl. In obengenannter Leser-Geschichte geht es um folgendes: Das Rhesusäffchen Mogli ist aus dem Circus Royal abgehauen und wurde von Blick-Girl Manuela entdeckt. Punkt. So banal wie die Geschichte klingt, spielte sie sich vermutlich auch ab. Keine Einfang-Aktionen und Stunteinlagen seitens Manuela, keine atemberaubenden Aktionen des Äffchens. Doch für Blick scheint diese Story eine halbe Seite wert zu sein – völlig unverständlich.

Leserwitze
Zum Schluss möchten wir Ihnen natürlich auch die beiden Leserwitze des Tages nicht vorenthalten, die immer wieder auf einem erschreckend tiefen Niveau sind:

Der Personalchef interessiert sich besonders für den Familienstand. “Ich bin Junggeselle”, antwortet der Bewerber. “Dann ist leider nichts zu machen”, meint der Personalchef, “wir stellen nur Leute ein, die es gewohnt sind, sich unterzuordnen!”

Ein Junggeselle wird gefragt, ob er sich denn nicht langsam verheiraten möchte. “Wozu?” sagt er. “Ich habe zwei Schwestern, die sich um mich kümmern. Ich werde von ihnen mit allem versorgt, was ich brauche.” – “Aber auch zwei Schwestern können doch niemald eine liebevolle Gattin ersetzen”, hält man dem Junggesellen entgegen. “Wieso nicht? Es sind ja nicht meine Schwestern.”

Fazit
Wir beide lesen den gedruckten “Blick” nur sehr selten. Für uns war es daher ein umso besonderes Erlebnis, im Zug zu sitzen und den “Blick” bis auf den letzten Buchstaben durchzulesen. Grundsätzlich – und das haben wir speziell gemerkt – ist es unverständlich, welche Storys es in welcher Grösse in diese Zeitung schaffen. Belanglose Inhalte werden mit grossen Lettern und emotionalisierten Bilder angepriesen. Doch hinter den Geschichten stecken nicht immer richtige News und Hintergründe, wie wir es von einer gedruckten Zeitung erwarten. Aber trotz aller Kritik: “Blick” ist und bleibt “Blick”. So ist er laut neusten Leserzahlen der WEMF AG für Werbemittelforschung nicht umsonst die meistgelesene Bezahlzeitung der Schweiz.

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